Im Sommer 2023 haben mein Mann und ich geplant, 2 Monate in Italien zu wohnen. Wir nutzten die Zeit zwischen zwei Jobs, um was Neues zu starten. Wir gaben unsere 100qm Wohnung auf, verkauften und verschenkten Sachen und bunkerten den Rest in einer Garage oder bei den Eltern.
Dann wohnten wir in Italien zur Miete auf 1 oder 1,5 Zimmern. Und es war großartig! Es fehlte uns an nichts (außer ein bisschen mehr Platz in der Küche). Aufgrund eines medizinischen Notfalls mussten wir etwas früher zurück und wohnten dann ca. 6 Monate in meinem Elternhaus in meinem alten Kinderzimmer – mit allen Sachen, die wir besaßen.
Aber wir haben etwas gelernt: Wir brauchen nicht viel.
Umzug in eine neue Wohnung
Bei der Wohnungssuche für unsere neuen Jobs (mein Mann hatte zuerst was gefunden, ich befand mich noch in Weiterbildungen, bis meine Diagnose endlich feststand und die Therapie anschlug, damit ich überhaupt arbeitsfähig war) haben wir uns zunächst auf größere Wohnungen fokussiert und nach mindestens 3 Zimmern umgeschaut.
Wir wussten ja noch nicht, wie wir arbeiten werden, bzgl. Homeoffice. Daher waren 3 Zimmer das Minimum. Eigentlich wollten wir sogar ein Haus kaufen und hatten schon Anfragen zu Banken und Onlinerechnern mit unserem Eigenkapital geschickt und Besichtigungen geplant…
Aber irgendwie haben wir uns gerne an die Zeit in Italien zurückerinnert: Es war gemütlich und es war alles, was wir brauchten.
Wir wagten ein Experiment und haben gesagt – die nächste Wohnung kann ja auch erstmal eine „Übergangswohnung“ sein. Ausziehen geht immer noch. Je nachdem, was ich für einen Job bekomme.
Und tatsächlich zogen wir dann in eine ca. 60-65qm große 2-Zimmer-Wohnung.
Ich hatte ziemlich Bedenken, ob das für den normalen Arbeitsalltag ausreichen würde. Tatsächlich habe ich nach meinen Weiterbildungen auch schneller einen Job gefunden, als gedacht und so zogen wir in die Wohnung ein und 2 Wochen später fing ich meinen neuen Job an – mit 2/3 Homeoffice Möglichkeit.
Alltag in der neuen Wohnung
Natürlich nutzt man die Zeit des Umzugs auch nochmal, um auszusortieren. Da wir vorher schon klein gewohnt haben, war aber nicht mehr viel da. Wir richteten uns eine abgetrennte Arbeitsecke/“Büro“ ein und testeten den Alltag erstmal aus.
Gleichzeitig habe ich aber weiter nach Häusern geschaut und wir waren sogar bei Besichtigungen einiger Häuser oder Eigentumswohnungen.
Doch je länger wir in der Wohnung lebten und je mehr wir merkten, dass wir den Arbeitsplatz super aufteilen können (ich war weniger im Homeoffice als gedacht), desto eher kam der Gedanke, ob es nicht vielleicht „genug“ ist.
Was wir auch merkten: Die Wohnung ist schnell aufgeräumt, schnell sauber und macht wenig Arbeit. Und dann passierte es: Bei einer Besichtigung eines Hauses hab ich nur gedacht: Wie viel Zeit sollen wir denn in Instandhaltung, Aufräumen und Putzen stecken? Plus Garten/Vorgarten, Garage? Vor allem: BRAUCHEN wir den Platz wirklich?
Selbst wenn irgendwann Kinder mal infrage kommen würden: Brauchen Kinder in den ersten Jahren nicht eher die Eltern, statt Haus, Garten, Pool?
Plus: So viel Geld wie ein Haus/Eigentum kostet, das muss man auch über Jahre, Jahrzehnte stemmen können und wollen.
Entscheidung zum moderaten Frugalismus/Minimalismus
Also kam es, wie es kommen musste: Wir entschieden uns, kein Eigentum zu kaufen.
Und mit dieser Entscheidung wandelte sich auch unsere Ansicht zur Mieten-Kaufen-Debatte. Beides hat seine Vor- und Nachteile.
Für uns überwiegen aktuell die Vorteile des Mietens: Wir sparen unheimlich viel Geld, wir sind unabhängig, falls jemand seinen Job wechseln oder mal im Ausland ein Projekt durchführen möchte.
Und das gesparte Geld wird auf ETFs gelegt und macht Rendite, die man direkt „sehen“ kann im Vergleich zum Eigentumskauf (wo man ja auch quasi eine Rendite hat, aber erst später und auch nicht direkt „sichtbar“). Ja, man sieht auch Verluste, das ist definitiv nicht für jeden was (siehe Einbruch durch Trump’s Zölle, Corona, Ukraine-Krieg usw…).
Dadurch, dass wir in Italien auch nur wenig Besitz hatten, richteten wir uns auch eher minimalistischer ein: Wir haben keine neuen Möbel gekauft, sondern alles, was wir eingelagert haben, genutzt. Die Dinge waren übrigens in unserer ersten Wohnung 2020 schon Secondhand gekauft.
Zweitens haben wir uns entschieden, mehr Geld in Erlebnisse zu stecken, statt in Deko oder Besitz. Auch Geschenke für unsere Neffen sind zum größtenteils Geschenke mit Zeit (Besuch im Kino, Park oder whatever), statt Lego oder Switch-Spiele.
Fazit nach 20 Monaten
Stand heute wohnen wir 16 Monate in der 2-Zimmer-Wohnung und es fehlt uns an absolut nichts. Uns stört nicht die Zeit zusammen (manche Paare hätten gerne eine „eigenes“ Zimmer oder können nicht so viel „aufeinander hocken“ – ist auch absolut legit), aber wir verbringen unsere „Me-time“ tatsächlich immer und gerne zusammen.
Während mein Mann Basketball guckt, schreibe ich diesen Artikel – und wir sitzen beide zusammen auf dem gleichen Sofa nebeneinander, weil wir nicht die isolierte Zeit brauchen.
Und dass das Arbeits“zimmer“ nur aus einem Schreibtisch mit zwei Bildschirmen und einem großen Kallaxregal besteht, reicht – Alle Ordner und Unterlagen, die wir nicht digitalisieren, passen da rein.
Das einzige, was nicht minimalistisch(er) ist bei uns: Pflanzen. Wir haben wenig Deko oder Kram, aber Pflanzen und selbstgemalte Bilder gibt es schon in der Wohnung. Es ist eher moderat 😀
In der Küche haben wir auch nur eine (!) Edelstahlpfanne und eine beschichtete große Auflaufform und drei Töpfe zum Kochen. Flache Teller groß und klein und ein paar Schüsseln. Keine extra Dessertschälchen, Weingläser, Sektgläser oder Schmortöpfe, keine super vielen Geräte (liegt aber auch an der Zöliakie teilweise – haben Waffeleisen, Sandwichmaker, Rührgerät und Raclette abgegeben/verkauft).
Aber es reicht einfach. Wir können alles machen, was wir brauchen und worauf wir Lust haben. Ich hätte es einfach nicht gedacht.
Vor allem aber: Ich sehe es bei Freunden und Familie manchmal: Da gibt es Regale oder Kommoden, die einfach nur da sind, damit es nicht leer aussieht und damit diese Möbelstücke nicht leer aussehen wird Deko drauf gestellt und das ist irgendwie… für mich persönlich einfach sinnfrei.
Und in diesen Möbeln wird halt oft mega viel Kram hineingesteckt. So Wohnzimmerkommoden mit 8931480 Spielen oder Geschirr oder so.
Also ich verstehe das voll! Es sieht ja auch schön aus. Aber auf die „Arbeit“ dahinter habe ich einfach keine Lust. Lieber die Zeit freihaben und coole Sachen machen, Sport oder Hobbys nachgehen, Freunde besuchen.
Conclusion
Manchmal überkommt es mich: Das Bild von dem kleinen Häuschen und einem Garten. Und dann schaue ich auf Immobilienportalen und schaue mir schöne Häuser an. Aber sobald ich mich durch die Bilder der Zimmer klicke, denke ich: Ne, gar keinen Bock drauf.
Es ist einfach zu gut gerade. Und das gesparte Geld tut gut. Es lässt einen sicher fühlen, falls man wieder krank wird und für längere Zeit ausfallen wird (vielleicht muss man das auch erstmal erlebt haben, um es zu „fühlen“). Und zu wissen, dass man früher mit dem Arbeiten aufhören kann, um mehr Ehrenamt oder Familienzeit zu haben, macht es noch viel besser.
Wir sind auf dem besten Weg zur finanziellen Unabhängigkeit und das ist ein wunderbares Gefühl.
Ich kann es nur empfehlen: Sich zu überlegen, was man braucht und ob einem etwas zu haben oder zu kaufen mehr Freude bringt, als die Arbeit, die man da rein stecken muss (sei es in Form von Arbeitszeit, die man zum Bezahlen hereinstecken muss oder eben tatsächliche Instandhaltungs-/Pflege-/Putz-/Flächenarbeit…). Kürzlich habe ich gelernt, dass es auch dafür einen Begriff gibt: Essentialismus.
Wir sind aktuell sehr zufrieden damit und freuen uns, dass wir das durch unseren Italienurlaub gemerkt haben.
Wie ist das bei euch? Wie groß/klein wohnt ihr und habt ihr euch bewusst dafür entschieden?
Bleibt sicher und gesund,
Bavai
